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Bücherecke #2 – „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ von Haruki Murakami

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Juni 12, 2015 von Daniel

Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt - Haruki Murakami

Ein neuer Teil meiner Bücherecke steht an. Diesmal handelt es sich um Haruki Murakamis Science-Fiction-Drama „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“. Ich habe keine Ahnung mehr, wie es dieser Roman auf meine Liste geschafft hat. Wurde er mir empfohlen, habe ich irgendwo davon gelesen oder habe ich in den Weiten des Internets etwas aufgeschnappt? Keinen Schimmer. Egal, nun befindet er sich in meinem Besitz.

 

Die japanische Originalausgabe erschien 1985 unter dem Titel „Sekai no owari to Hādoboirudo Wandārando“. Zehn Jahre später fand das Buch mittels des Suhrkamp-Verlags seinen Weg nach Deutschland in einer Übersetzung von Annelie Ortmanns und Jürgen Stalph. Meine Ausgabe ist vom btb-Verlag, 2007er Jahrgang, in der nur noch Annelie Ortmanns als Übersetzerin gelistet ist, da der zweite Übersetzer auf die Nennung seines Namens verzichtete. Das Buch umfasst knapp über 500 Seiten.

 

Die Geschichte setzt sich aus zwei Erzählsträngen zusammen, zwischen denen die Geschichte kapitelweise wechselt. Der erste Strang spielt im Tokio der (damaligen) Gegenwart, dem „Hard-boiled Wonderland“, in der zwei rivalisierende Organisationen einen Datenkrieg führen. Der zweite Strang hingegen handelt von einer zeitlosen Traumebene, „Das Ende der Welt“ genannt. Im Mittelpunkt steht stets ein namenloser Ich-Erzähler, der in Tokyo als Kalkulator – ein Datenschützer im Dienste des „Systems“ – arbeitet und im Ende der Welt einer Tätigkeit als neuer Traumleser einer sonderbaren Stadt nachgeht. Die Erzählstränge verlaufen parallel und verweben sich ab und an. Wonderland und das Ende der Welt bilden dabei zwei Gegensätze; Datenkrieg, Genuss und Lebensgefahr auf der einen Seite, ewiger Frieden, Kargheit und Geruhsamkeit auf der anderen. Die beiden Erzählstränge unterscheidet mehr als nur der Inhalt. So ist die Handlung in Tokyo im Präteritum verfasst, während die Erzählung in der Traumebene im Präsens abläuft. Im japanischen Original fällt der Unterschied ein wenig gravierender aus, da Murakami dort anstelle verschiedener Zeitformen unterschiedliche Pronomen verwendet. Für Hard-boiled Wonderland greift er auf das watashi, die Standard-Form, für Das Ende der Welt auf das männlicher klingende boku zurück.

 

Skurril und eigenwillig sind treffende Begriffe für die Geschichte, sowohl im positiven wie auch im negativen Sinn. Der Schreibstil ist angenehm flüssig zu lesen und reich an Metaphern, die allerdings hin und wieder etwas merkwürdig wirken. Ebenso ist die Geschichte angefüllt mit kuriosen Ideen, z.B. Magenerweiterungen, die es einem ermöglichen, Unmengen an Essen zu vertilgen, oder der Dephonator, ein Gerät, dass den Schall neutralisieren und dadurch die Umgebung stumm schalten kann. Der Wonderland-Erzählstrang strotzt überdies vor popkulturellen Verweisen. So erwähnt Murakami Filme(z.B. Key Largo mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall), nimmt Bezug auf Schriftsteller(siehe Balzac) und spricht über Musiker(unter anderem Bob Dylan). Leider verhallten manche dieser Anspielungen in meiner Ahnungslosigkeit, da sie vor meiner Zeit liegen, und vielleicht werden nur diejenigen die „Magie“ vollends zu schätzen wissen, die die 80er bewusst miterlebt haben.

 

Die Idee der Datenkodierung durch menschliche Gehirne sowie der Wettstreit zwischen Datenschutz und Datendiebstahl, was auch gut aus dem Cyberpunk-Genre stammen könnte, stießen bei mir auf viel Gegenliebe. Zudem entwirft Murakami mit der Auflösung, die bereits in der Mitte des Buches erfolgt, ein meiner Meinung nach interessantes Gedankenspiel. Allerdings war das der Zeitpunkt, an dem mein Interesse stark abflaute. Denn von da an ist klar, wohin die Reise führt, keinerlei große Überraschung oder erschütternde Wendung lässt mehr auf sich warten. Zwar flackern zum Ende hin melancholische Momente auf, die leider schnell verpuffen. Grund dafür ist der emotionslose Protagonist, der sein Schicksal – nach einem jähen Wutausbruch – wie ein willfähriges Schaf einfach akzeptiert. Es kommt keine Spannung auf, weil er es nicht einmal in Erwägung zieht, sich gegen das nahende „Ende“ zu sträuben. Die Möglichkeit, den Vorgang abzuwenden, besteht, jedoch wird daran kein Wort oder Gedanke mehr verschwendet.

 

Generell konnte ich mit Murakamis Hauptcharakteren nicht viel anfangen. Sei es der „coole“ Protagonist, das beleibte Mädchen in rosa, die gefräßige Bibliothekarin oder der einerseits reumütige, andererseits egozentrische Wissenschaftler. Es gelang mir nicht, eine emotionale Bindung zu ihnen aufzubauen. Ihr Werdegang war mir daher letztlich gleichgültig. Die Charaktere im zweiten Erzählstrang fand ich ansprechender, obwohl – oder vielleicht gerade weil – sie lediglich als Archetypen fungieren. Sie wirken trotz fehlender Tiefe nahbarer und sind nicht so verschroben wie die Figuren des Wonderlands.

 

Manchmal zieht sich die Erzählung wie Kaugummi in die Länge, insbesondere im Mittelteil. Einige Passagen verkommen schier zu bloßem Füllmaterial und so mancherlei Szene in der Traumebene dient offenbar nur dazu, den Wechsel zwischen den beiden Erzählsträngen beizubehalten. Die Handlung im Wonderland krankt noch unter anderen Dingen. Nicht nur einige seltsame Verhaltensweisen störten mich, sondern auch das ausschweifende Geschwafel. Ausgewalzte Gedankengänge, ein Übermaß an Popkulturverweisen und die zigste Erwähnung, welches Getränk und welches Essen er nun verköstigt, hat mich auf die Dauer ermüdet. Man kann es durchaus als einen Kniff sehen, den Unterschied zwischen Wonderland und Traumebene aufzuzeigen: Im Wonderland genießt der Protagonist etliche Speisen, während in der Traumebene nur schlecht schmeckendes Essen existiert. Dennoch, irgendwann war ich der tausendsten Mahlzeit überdrüssig. Zumal es lediglich bei der Nennung und Aufzählung der Speisen bleibt. Herauszuarbeiten, welche Geschmacksempfindungen er dabei verspürt, die Vielfalt der Sinneseindrücke, die ihm dabei durch den Kopf schießen, hätte mich vermutlich eher angesprochen. Stellenweise fühlte ich mich somit beinahe an einen Roman von Stephen King erinnert, der ebenfalls ein Faible dafür hat, gerne mal abzuschweifen und sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren. Von den beiden Erzählsträngen gefiel mir „Das Ende der Welt“ besser, da mir der Handlungsverlauf dort nicht derart zäh und überladen erschien.

 

Falls der Geschichte Humor innewohnt, so ging er komplett an mir vorbei. Dass das Buch frei von Witz ist, will ich damit gar nicht sagen. Einige Szenen könnten aufgrund ihrer Skurrilität durchaus einen gewissen Humor entfalten; jedoch traf dieser nicht meinen Nerv. Ein übergewichtiges Mädchen, das völlig vernarrt in die Farbe Rosa ist; die bereits erwähnte Bibliothekarin, die problemlos ein Restaurant in den Ruin fressen könnte; ein Verbrecherduo, das unterschiedlicher nicht sein könnte – skurrile Ideen, die mir aber kein Schmunzeln entlocken konnten.

 

Bizarres Manko ist zudem das Abstract auf der zweiten Seite – das übrigens auch auf Amazon geführt wird –, das nicht nur einen ärgerlichen Spoiler enthält, sondern auch von der Handlung des Buches stark abweicht. Es ist mir ein Rätsel, wie man auf solch eine hanebüchene Zusammenfassung kommen kann. Hat der verantwortliche Schreiberling das Buch überhaupt gelesen? Das Abstract auf der Rückseite der btb-Ausgabe hat es meines Erachtens weitaus besser getroffen: kurz und bündig, keine Spoiler, erregt das Interesse – so sollte ein Klappentext aussehen(obwohl ich kurz über die paradoxe Begrifflichkeit „ferne Gegenwart“ gestolpert bin).

 

Alles in allem bin ich ein wenig enttäuscht von dem Buch. Vielleicht liegt es daran, dass ich mit zu hohen Erwartungen rangegangen bin, dass ich mit Murakamis Erzählung schlicht nichts anfangen kann, dass ich sie unter einer falschen Prämisse gelesen habe, oder dass ich womöglich die Genialität, die sich im Wust der Metaphern, dem teils langatmigen Geschwafel und den mir unsympathischen – bzw. völlig gleichgültigen – Charakteren versteckt, irgendwie nicht so recht entdecke.

 

Ich muss abschließend erwähnen, dass dies mein erster Roman von Murakami war. Ich wusste demnach nicht, was mich erwartet, wie sein Schreibstil ausfällt oder welche Art von Charakteren er verwendet. Nun gut, es stellt sich mir auch immer die Frage, inwieweit die Intention beziehungsweise der Inhalt unter der Übersetzung gelitten hat. Ob ich mir einen weiteren seiner Romane zu Gemüte führen werde, weiß ich noch nicht. Möglicherweise offenbart sich mir so ja doch noch das viel gepriesene Genie von Haruki Murakami.

 

 

Das war’s von meiner Seite. Die nächste kontroverse Rezension kommt bestimmt.

 

Bis dahin möge die Kreativität mit euch sein!


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