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Bücherecke #1 – „Die Straße“ von Cormac McCarthy

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Mai 6, 2015 von Daniel

Die Straße - Cormac McCarthy

Was kann man machen, wenn man nicht damit beschäftigt ist, seine literarischen Ergüsse aufs Papier zu bringen? Genau, man kann zur Abwechslung einfach mal ein Buch lesen. Als ich die lange Liste an Buchtiteln, die ich in meinem Leben noch zu lesen gedenke, durchsah, fiel meine Wahl auf ein Buch, das nicht nur mit Lobpreisungen überschüttet worden war, sondern 2007 auch den Pulitzer-Preis erhalten hatte.

 

Die Rede ist von Cormac McCarthys Roman „Die Straße“, der 2008 im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen ist. Für die Übersetzung verantwortlich zeigt sich Nikolaus Stingl. Mit einer Länge von rund 250 Seiten ist das Buch nicht sonderlich lang und kann innerhalb eines Tages problemlos durchgelesen werden.

Die Handlung von „Die Straße“ ist in einer dystopischen, nicht allzu fernen Zukunft angesiedelt. In deren Mittelpunkt stehen ein Vater und dessen Sohn, die durch ein postapokalyptisches Amerika gen Küste reisen. Die Geschichte ist in der dritten Person verfasst, dennoch offenbart sie ab und zu Einblicke in die Gedankenwelt des Vaters. Neben Träumen von glücklicheren Zeiten umkreisen ihn bedrückende Fragen. Wäre es gnädiger, den Freitod zu wählen, anstatt weiter stoisch durch die Ödnis zu wandeln? Könnte er das Leben seines eigenen Sohnes beenden, um ihm Leid und Grausamkeit zu ersparen? Und gibt es einen Gott in einer scheinbar gottlosen Welt?

 

Die Welt, in der die Geschichte spielt, ist ein grauer, toter Ort, was sich ebenso im Schreibstil widerspiegelt. So verzichtet McCarthy fast vollkommen auf Farben, die allenfalls in den Träumen des Vaters vorkommen, und zeichnet das Bild einer menschenleeren, lebensfeindlichen Ödnis. Asche bedeckt die Erde, Wälder sind niedergebrannt, Konservendosen sind eine der letzten Nahrungsquellen – abgesehen vom Menschenfleisch. Gespräche sind knapp gehalten, passend zur Stille, die über dem verheerten Land liegt.

Bei der Beschreibung der Landschaft nutzt McCarthy häufig fragmentarische Sätze, in denen er Partizipien verwendet und nur wenige Verben gebraucht. Durch diesen Stil verstärkt sich der Eindruck einer leblosen, erstarrten Welt. Im Kontrast dazu stehen die beiden Protagonisten, deren Handeln er teils in Zeilen umspannenden Aufzählungen wiedergibt. Sie befinden sich in ständiger Bewegung, reisen stetig weiter ihrem Ziel entgegen, denn Stillstand bedeutet den Tod. Gefahr droht nicht nur durch die feindselige Umwelt und andere Überlebende, sondern auch durch den schwindenden Proviant. Sie wissen nicht, was sie an der Küste erwartet, lediglich Hoffnung und Überlebenswille treiben sie an. Beim Kampf ums Überleben verwehren sie sich, derart wie andere Menschen zu verrohen, und verweigern sich trotz Nahrungsnot dem Kannibalismus. Umgeben von brutalen Banden und Menschen, die sich fernab jedweder Hoffnung befinden, wirken sie daher beinahe wie Fremdkörper.

Die Geschichte ist nicht in Kapitel unterteilt, sondern in kurze Abschnitte, die häufig kaum mehr als eine halbe Seite umfassen. Sie ähneln flüchtigen Momentaufnahmen und erinnern in ihrer Aneinanderreihung an ein Reisetagebuch, das sich aus den bedeutsamsten Ereignissen zusammensetzt. Actionpassagen wie in manch anderen Büchern mit postapokalyptischen Einschlag (z.B. ein Roland Deschain, der in „Schwarz“, dem ersten Band des Dunkle-Turm-Zyklus, ein gesamtes Dorf dem Erdboden gleichmacht) gibt es nicht; Spannung füllt dennoch die Seiten, wenn Vater und Sohn der Proviant ausgeht und sie sich halbverhungert durch die verwaisten Siedlungen schleppen, hoffend, in den leeren Häusern noch irgendetwas Essbares aufzutreiben.

 

Meine abschließende Meinung: „Die Straße“ ist ein äußerst empfehlenswertes Buch. Am Anfang benötigte ich für die fragmentarischen Beschreibungen zwar ein wenig Eingewöhnung, doch dann las es sich schnell und locker runter. Schreibstil und Inhalt greifen gut ineinander, und interpretationsaffinen Zeitgenossen wird mit dem religiösen Unterbau ebenso etwas geboten. Angenehm fand ich die Konzentration auf die Vater-Sohn-Beziehung und die Veranschaulichung der Welt sowie den Verzicht auf actionreiche Sequenzen – infolge des Konsums diverser Fantasy-Romane (z.B. „Die Zwerge“) und etlicher Bücher aus dem Warhammer40K-Universum bin ich seitenlangen Kampfbeschreibungen ein klein wenig überdrüssig geworden. Wer also Action und Gemetzel erwartet, wird leider enttäuscht. Stattdessen trifft man auf eine ruhig erzählte Reisegeschichte, die sowohl den Blick in menschliche Abgründe gewährt als auch deren Gegenteil, die selbstlose Aufopferung eines Vaters für sein Kind, aufzeigt.

Es allerdings als das beste Buch der letzten Jahrzehnte zu bezeichnen, wage ich nicht, dazu habe ich schlicht zu wenig gelesen. Ebenso erscheint mir manche Kritik, die ich mir zu Gemüte führen durfte, ziemlich schwülstig und überzogen – aber nun gut, Meinung ist Meinung, und überschwängliche Lobhudelei verkauft sich besser als eine emotionslose Analyse. Für meinen Teil ist es ein sehr gutes Buch, das durchaus in der oberen Liga jener Werke mitspielt, die ich bereits gelesen habe.

Vor einer notenmäßigen Bewertung oder einer Punktzahl sehe ich zunächst ab. Ich werde sie vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt in Erwägung ziehen, wenn ich mehr Bücher rezensiert habe und sie in einen angemessenen Rahmen einordnen kann, der dem Werk auch gerecht wird.

 

So, das war’s für dieses Mal aus meiner Bücherecke. Sicherlich werde ich in Zukunft noch weitere Bücher vorstellen, entweder jene, die ich mir neu zugelegt habe, oder vielleicht auch jene, die bereits in meiner Bibliothek ihr Dasein fristen. Wenn ihr Vorschläge habt, welches Buch unbedingt einer eingehenden Sichtung bedarf, dürft ihr sie mir gerne schicken. Geheimtipps, Klassiker oder bis zum Erbrechen gehypte Schinken, die Auswahl ist groß.

 

Bis dahin möge die Kreativität mit euch sein!


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